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Wie wir leben sollen

Christus spricht: Ich bin der Weinstock. Ihr seid die Reben

Heute möchte ich mit Ihnen nachdenken über ein Thema aus dem Konfirmandenunterricht dieser Zeit, aber auch, was das für uns Ältere heute bedeuten kann.

Im Konfirmandenunterricht geht es um die ganz großen Lebensfragen. Vor allem geht es um die Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Manchmal wirken die Antworten der Bibel so, als wären sie aus der Zeit gefallen.

Ich habe schon viele Konfirmandenjahrgänge begleitet, in dieser Woche unter Corona-Bedingungen. Heute gehe ich der großen Frage nach:

Wie soll der Mensch leben?

Woher kann man das wissen? Die klassische Antwort lautet: Indem Du Dich auf die Zehn Gebote einlässt und dich daran hältst. Daraus ergibt sich sofort eine Anschlussfrage:

Kann der Mensch so leben, wie er leben soll?

Die Zehn Gebote sind eine uralte Zusammen-fassung sämtlicher Regeln und Gesetze. Wer die Zehn Gebote kennt hat eine Idee davon, wie man leben soll. In allen Lebenslagen findet man einen Anhaltspunkt, wie man sich richtig verhalten kann. Man weiß auch, welches Verhalten nicht verantwortbar ist.

Im Wort „verantwortbar“ steckt das Wort „Antwort“. Das erste Gebot sagt: Wir geben Gott eine Antwort . Auf Gottes Willen folgt unsere persönliche Entscheidung, wie wir leben und wie wir uns ganz konkret verhalten sollen. Das ist nicht leicht, aber sinnvoll und notwendig.

Nun gehen meine Konfirmanden auf ganz unterschiedliche Schulen. Daher kommt es vor, dass eine Gruppe sich gerade im Religionsunterricht intensiv mit den Zehn Geboten befasst hat. Dann sagen die Konfirmandinnen: „Schon wieder die Zehn Gebote!?“ Andere hatten es noch nicht im Unterricht, aber sie fragen sofort: „Müssen wir das auswendig lernen?“ Diese Frage kommt bereits, bevor ich das als Hausaufgabe angesprochen habe. Das weiß jeder: Die Zehn Gebote muss man auswendig können, um konfirmiert zu werden.

Dieses „Wissen“ entspricht nicht meinen Vorstellungen. Denn mir geht es nicht um das Ziel der Konfirmation, sondern die Konfirmation ist ein Ausgangspunkt für das ganze Leben. Ihr sollt für das ganze Leben lernen: Wie wir leben können und wie wir leben sollen – jeden Tag, ein Leben lang.

Daher bin ich auf die Frage des Auswendiglernens zunächst nicht eingegangen. Vielmehr habe ich einen Zettel verteilt mit dem Wortlaut der Zehn Gebote und dazu aufgefordert, einmal anzukreuzen, welche Gebote in dieser Zeit der Corona-Pandemie von besonderer Bedeutung sind. Es dauerte nicht lange, da haben alle das 5. Gebot hervorgehoben:

„Du sollst nicht töten.“

Alle waren sich einig, es ist heute besonders wichtig, sich gegenseitig zu schützen. Indem man die Hygieneregeln hält, die Mund-Nasen-Maske nicht nur vor das Kinn bindet, sondern auch über die Nase. Dass man Abstand hält und niemandem sich nähert, wenn man Krankheits-Symptome hat. Damit man sich nicht gegenseitig ansteckt, denn es kann ja wirklich zu einer tödlichen Krankheit werden.

Ein Mädchen meldete sich dann etwas zögerlich und sagte: „Ich finde auch, es hat mit dem 8. Gebot zu tun.“ Alle guckten auf den Zettel und lasen einen schwierigen Satz:

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

„Was soll das denn heißen?“ Jemand sagte: „Müssen wir das so auswendig lernen? Reicht es nicht, wenn wir sagen: Du sollst nicht lügen!?“

Bevor ich auf diese Frage eingehe will ich mit Ihnen noch einmal nachdenken und ganz genau hinschauen. Martin Luther hat auch versucht, die Gebote ganz kurz zu fassen und die Gebote zu erklären. Ihm ist auch als erstes eingefallen: „Du sollst nicht lügen.“ Darauf hat er weiter nachgedacht und gesagt: Es könnte auch heißen: „Du sollst deinen Nächsten nicht verraten.“

Denkbar wäre auch: „Du sollst deinen Nächsten nicht verleumden.“ Man könnte sagen: „Du sollst Deinem Nächsten nicht den Ruf verderben.“

Je länger Luther darüber nachdachte, desto mehr fiel ihm ein. Auch den Konfirmand*innen fiel eine ganze Menge ein: FakeNews, Verschwörungs-theorien, Panik-Mache, Verleumdungen im Netz, den Ruf schädigen auf dem Schulhof. Aus dem Achten Gebot könnte man leicht vier einzelne Gebote machen, oder noch mehr.

Warum sind es eigentlich „Die zehn Gebote“ und nicht „Die zehn Verbote“?

In dem Wort „Gebot“ findet sich wieder, was wir als „Angebot“ kennen. Es sind „Angebote zum Leben.“ Angebote, wenn man sie annimmt und ausführt, die das Leben möglich machen. Deshalb hat Martin Luther einen ganz neuen Zugang gewählt, und dieses Gebot nicht als Verbot stehen gelassen, sondern gezeigt, welche Chance dieses achte Gebot bietet, damit das Leben gelingt:

„Wir sollen unseren Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm reden
und alles zum Besten kehren.“

Da staunten die Konfirmand*innen: „Das wäre ja schön, wenn alle sich so verhalten würden!“ Wenn jemand etwas gesagt, was nicht gut ist, ihn dann zu entschuldigen, das wäre toll. Nicht etwas schön-reden, was nicht gut ist, sondern es ent-schuldigen, dann gelingt das Leben.

Oder wenn jemand Gutes über andere redet: Oft wird über Abwesende schlecht geredet. Welch ein gutes Gefühl wäre es, wenn man aus einer Gruppe fortgeht, dass man darauf vertrauen kann: Da wird nur Gutes über mich geredet.

Natürlich gibt es vieles, über das man klagen und sich beschweren kann. Aber: alles zum Besten zu kehren, Verständnis füreinander aufzubringen. Dann wäre die Welt schöner, als sie heute ist.

Es war kurz vor Schluss der gemeinsamen Stunde. Da habe ich ihnen gesagt: „Mit dem Auswendiglernen, das ist klar. Ihr müsst es auswendig lernen. Aber ihr könnt frei entscheiden: Entweder den Wortlaut der Zehn Gebote, oder die Erklärung von Martin Luther und eine eigene zutreffende Version der Gebote. Vor allem die Gebote neun und zehn, wo es darum geht, dass man nicht neiden soll. Hauptsache ist, dass ihr noch ganz lange nach eurer Konfirmation wisst, was das bedeutet: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

Wenn ihr selbst in einem Beruf seid, oder wenn ihr eigene Kinder habt, dass ihr das dann nicht nur auswendig kennt, sondern wichtig ist, danach zu handeln.

So wende ich mich auch an alle, die diese Gedanken lesen. Wichtig ist es ein Leben lang zu wissen:

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden
wider deinen Nächsten.

Was ist das?

Wir sollen unseren Nächsten nicht belügen, verraten,
verleumden
oder seinen Ruf verderben.

Sondern sollen ihn entschuldigen.
Gutes von ihm reden.
Und alles zum besten kehren."

Dann gelingt das Leben.

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