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Forum-Archiv: Vom deutschen Pfarrhaus: Christine Eichel las am 08.03.2013 im evangelischen Forum in Gartow

Lesen Sie dazu Bericht von Thomas Janssen aus der Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 11.03.2013

Vom Barockdichter Andreas Gryphius zum Feuilletonisten Benjamin Stuckrad-Barre, vom Volksgenossen Wessel bis zur Genossin Ensslin. Ein Beginn - aber anders geht»s auch: Etwa mit der Anekdote von der Linken Sarah Wagenknecht, die, beim Hummeressen ertappt, dafür sorgt, dass das Foto gelöscht wird. Oder mit der medialen Aufmerksamkeit, als Kanzlerin Merkel 2008 bei der Eröffnung der Oper in Oslo Dekollete zeigte - weil das eine Abweichung von ihrem sonst von »Selbstzurücknahme» geprägten Style war. Oder damit, dass die Öffentlichkeit den distinguierten Bundespräsidenten Gauck als Gegenbild seines filouhaften Vorgängers schätzt.

Das alles ist in einem Buch von Dr. Christine Eichel über »Das deutsche Pfarrhaus», und damit auch die Pfarrfamilie, zu finden. Dass auch die Hummergenießerin an der Linken-Spitze, nicht in einem solchen aufgewachsen, dem Bild von Tugend und Askese entsprechen will, mit dem die zu Amt und Würden gekommene Pfarrhauskinder ein Bedürfnis des deutschen Wahlvolks befriedigen, das weist auf eine aktuelle Bedeutung der Institution Pfarrhaus hin. Seit der Reformation war es »nicht Enklave, sondern Spiegel der Gesellschaft», wie Christine Eichel formuliert. Sie stellte am Freitag im evangelischen Forum in Gartow ihr Buch zur Diskussion.

Deutsch heißt allerdings nicht gesamtdeutsch: Das wegen des Zölibats anders funktionierende Pfarrhaus katholischer Regionen ist in dem Buch ausgespart. Und die Pfarrhäuser in der früheren DDR, in denen nach Eichel der Grundstein für den heutigen Erfolg der »Pfarrhaustugenden in der politischen Sphäre» gelegt wurde, waren auf andere Weise »Ort des Geistes und der Macht» (Untertitel) als die im Westen. Vielleicht aber nicht fundamental anders: Der gesamtdeutsche Politiker-Pastor ist auch legitimes Kind politisierender West-Geistlicher, die mitverantwortlich waren für den »Gemütszustand dauerbetroffener Empörung» (Clemens Nachtmann) von Protestbewegungen in der BRD. Für die allerdings anders als für die Opposition in DDR das Pfarrhaus nicht existenziell war. Weil sich aber die Zustände in West und Ost seit 1989 angeglichen haben, ergibt sich das Paradox, dass die Tugenden des Pfarrhauses, das in der DDR, wie Eichel ausführte, als Ort »der Debatte» und »gewisser Freiheit» sozusagen »quer zu Ideologie» stand, in einem Moment die größte Wirkung in der Politik entfalten, in dem das Pfarrhaus seine eigentliche Bedeutung verliert. Die Frage läge nahe, ob mit dieser Aufhebung der von Luther postulierten Trennung von Glaube und Macht im Staat sich auf politischer Ebene manifestiert, was eine Tendenz heutiger Kirche ist: sich quasi in die Gesellschaft aufzulösen.

Vom Pfarrhaus Luthers zu dem Merkels: Einige Stationen dieses Prozesses führte Christine Eichel - selbst Pfarrhaustochter - Passagen ihres Buches lesend, andere kursorisch referierend, den rund 50 Gästen erhellend vor Augen. Sie berichtete vom Beginn des deutschen Pfarrhauses, an dem die protestantischen Entscheidung für die Priesterehe steht - Luther begriff sie als probates Mittel, Lust zu domestizieren. Die Autorin zeigte, wie die Familie im »gläsernen Pfarrhaus» unter dem Druck stand, das Gelingen eines christlichen Lebens zu demonstrieren. Und sprach davon, welche Verheerungen das bei in die Pflicht eines solchen Gelingens genommenen Kindern anrichten konnte. Auffällig viele dieser Kinder befreiten sich davon, indem sie jene bürgerlichen Dinge aufgriffen, die wichtiger Teil der »Pfarrhausidentität» waren: Diskurs, Bildung, Kunst, Musik. Und so die deutsche Kultur mitprägten.

Bild: Aus ihrem neuesten Buch "Das deutsche Pfarrhaus" las Dr. Christine Eichel im evangelischen Forum in Gartow. Aufn.: T. Janssen

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