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Kirchenmusik

Kirchenmusik-Archiv: Brahms-Requiem in Gartow

Ein Requiem, das mehr ein Oratorium ist – am Sonntag, den 13.11.2011, sangen Die Kleine Kantorei Gartow und das Britzer Vokalensemble Brahms» »Deutsches Requiem». Nachstehend die Kritik von T. Janssen aus der EJZ:

»Alle Musik, die sich ehrfürchtig dem Göttlichen, Heiligen, Unaussprechlichen nähert»: So hat Olivier Messiaen in einer »Lecture at Notre Dame» im Jahr 1977 die »religiöse Musik» definiert. Religiöse Musik, so Messiaen in diesem Vortrag, sei eine von drei Formen von Musik, die sich dem Heiligen anpasse.
Als die beiden anderen nennt er die liturgische und die »Musik des Überwältigtseins». Das »Deutsche Requiem» von Johannes Brahms ist sicher der erstgenannten der drei Kategorien des großen katholischen Komponisten zuzuordnen. Es ist, wie auch die Freiheit der Textwahl bezeugt, Brahms» so humane wie persönliche Annäherung an christliche Hoffnung. Die Interpretation, in der die Kleine Kantorei Gartow und das Britzer Vokalensemble das Werk unter Leitung von Michael Röbbelen am Sonntag in der Gar-tower St.-Georg-Kirche sangen, machte das Werk auch zu einem Vertreter der dritten Kategorie. Als »Durchgang zum Unsagbaren und Unsichtbaren» definiert Messiaen die »Musik des Überwältigseins», und dazu wurde das »Deutsche Requiem» in Gartow nicht nur wegen der vielen subtilen Farbnuancen des Gesangs. Fließende Bewegung, ein strömender Puls der Musik, atmende Dynamik prägten Brahms» Werk unter dem leichthändig-fordernden, souverän gestaltenden Dirigat von Michael Röbbelen. Die rund 50 Sängerinnen und Sänger - rund zwei Drittel aus Gartow, dessen Kantorin Dorothea Tramitz die Einstudierung der Kleinen Kantorei präzise besorgt hatte - meisterten die zahlreichen harmonischen Kühnheiten wie die packende Wendung des »Der Tod ist verschlungen im Sieg» im vorletzten Satz. Auch die immer wieder prägende Unmittelbarkeit des Miteinanders von Dissonanz und Konsonanz erklang pointiert, mit Präzision und Innigkeit, verdeutlichte eine von Verzweiflung zur Hoffnung reichende Palette der Affekte. Was von den kurzen solistischen, auf den Chor hin gedachten Passagen noch vertieft wurde, etwa mit dem von der Sopranistin Almut Philipp strahlend gesungenen, dennoch leisen »Ihr habt nun Traurigkeit» am Beginn des fünften Satzes. Und das religiöse Pastorale »Wie lieblich sind deine Wohnungen» des Chors geriet als Schweben. Jedes Moment der komplexen Struktur, in der Fuge wie Homophonie verarbeitet sind, war in dieser Interpretation zelebrierte Musikalität, auch wenn nicht jedes Detail perfekt war. Aber ein anfangs nicht ganz homogener Sopran im Chor oder ein Bariton-Part, in dem sich Matthias Jahrmärker im dritten Satz erst aus einer gewissen Verhaltenheit zur liedhaften Intimität des »Ach wie gar nichts» finden musste, bevor diese bange Frage im Wechselspiel mit dem Chor zur tröstlichen Antwort der Salomonischen Psalmen fand - nichts davon reichte, Innigkeit und Subtilität der Musik für mehr als kurze Momente zu verschatten. Der immensen Palette an sanglichem Potenzial, die Brahms» Werk beinhaltet, wird die in Gartow gegebene Version besonders gerecht, in der die instrumentale Begleitung von zwei Klavieren und Pauken übernommen wird, so dass etwa dynamische Nuancen besser zur Geltung kommen. Der von Vanda Albota und Monika Gröbl ausdifferenziert gespielte Klavierpart sorgte von der Klangcharakteristik des Instruments her für einen irritierenden, aufmerken lassenden Gegenpol zum Fließen des Gesangs, Fred Müllers sparsam eingesetztes Paukenspiel sorgte für zurückhaltend-dramatisierende Akzente, etwa in dem in der Art eines Marche funebre angelegten »Denn alles Fleisch».

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